Earth Day an der Panke - Workshop im Livestream

Kunst- und Forschungsplattform ArtLaborartoryBerlin hat in Kooperation mit DIY Hack the Panke die Online-Diskussion „Mikroplastik und Koexistenz“ organisiert.

Mitschnitt des Livestreams "Microplastic and Coexistance". Foto: Kat Austen

Panke

Die Panke. Foto: Recep Aydinlar

Unreal Ecologic

Workshop Un(Real) Edolgies - ein Workshop zu Mikroplastik von Kat Austen. Foto Kat Austen

Zur Feier des World Earth Days 2020 am 22. April diskutierten Künstlerin Kat Austen und Naturwissenschaftlerin Joana MacLean zusammen mit eingeladenen Gästen aus der ganzen Welt über Mikroplastik in der Umwelt und darüber, was dies für die Natur und uns Menschen bedeutet. Im Livestream konnte man am virtuellen Diskussionsworkshop teilnehmen.

An der Diskussion nahmen Natur- und Sozialwissenschaftler*innen und Künstler*innen aus der ganzen Welt (unter anderem aus Indien und den USA) teil, die sich mit dem Verhältnis von Plastik und Umwelt (sowie von Plastik und Gesellschaft und Politik) auseinandersetzen. So ist Plastik auch eine soziale und politische Frage – und eine Frage von Macht. Die Diskussionsteilnehmer*innen betonten, dass es wichtig sei, die Unsichtbarkeit von Plastik aufzuheben und zu Erkenntnissen darüber zu gelangen, welche Auswirkungen Plastik hat, wie wir damit umgehen und leben und vor allem, wie wir es entsorgen können.

Lena, eine in Berlin ansässige Kuratorin, bekräftigte, dass wir Menschen unsere Rolle als Teil der Umwelt und unsere damit einhergehende Verantwortung und Hierarchierangfolge hinterfragen, sowie unsere Interaktionen mit ihr radikal verändern müssen. Denn wir haben einen kritischen Punkt erreicht, an dem alles droht, aus dem Gleichgewicht zu kommen. Beziehungsweise wir sind schon mitten drin. Derzeit übten wir Menschen hauptsächlich Zerstörung aus durch unser Handeln. “We are constantly acting with the power we have not appreciated”, fügt Kat Austen hinzu. Letzten Endes handele es sich auch um die Frage globaler, sozialer Gerechtigkeit, betont die Sozialwissenschaftlerin Sarah. Der globale Norden, der seine Plastikabfälle in andere Teile der Erde exportiert (Deutschland jährlich etwa eine Million Tonnen), muss sich die Frage stellen, welche Problemverlagerung und -verschiebung er hierdurch verursacht und welches Übel er damit anderen Teilen der Erde und deren Bewohner*innen und Lebewesen beschert, merkt Lena an.

Alle Teilnehmer*innen und sind sich darüber einig, dass – neben der interdisziplinären Forschung, die sich mit der Koexistenz von Kunststoff, Umwelt und Mensch auseinandersetzt – das Bereitstellen und Anwenden von partizipativen, selbstreflexiven DIY-Methoden unglaublich wertvoll und wichtig sei. Warum? Um mehr Menschen an der Debatte zu beteiligen. Um uns zu ermöglichen, selbst zu Forscher*innen zu werden und zu verstehen, in welcher Verbindung wir zur Erde stehen, welche unserer Handlungen für die Umwelt problematisch sind und wie wir selbst zur Verschmutzung und Zerstörung der Erde beitragen. Wenn wir dies verstehen, verstehen wir die Erde besser in ihrer Gesamtheit und unsere Rolle darin. Das Bewusstsein über unsere Handlungsmacht gibt uns wiederum die Möglichkeit, unser Handeln zu verändern.

Ein Beispiel einer solchen DIY-Methode ist die Earth Challenge 2020 App, die sich jeder kostenlos herunterladen kann. Sie ist ein sogenanntes „citizen science database portal“: eine Sammlung von Umweltdaten, die wir alle mit weiteren Informationen speisen können, indem wir mit offenen Augen durch unsere Nachbarschaften, unsere Viertel, unsere Städte gehen und kritisch beobachten, wie es um die Umwelt in unserem Umfeld steht. Ziel ist es, gemeinsam – auf der ganzen Welt – Umwelt-Missstände zu dokumentieren und sichtbar zu machen.

Mit den Worten „Umarmt Bäume, umarmt Böden, feiert den Earth Day, verlasst die menschen-zentrierte Perspektive“ verabschiedet sich die Moderatorin Regina Repp (ArtLaborartoryBerlin) von den Gästen.

Eins ist klar geworden an diesem Abend – egal ob als Wissenschaftlerin oder als Bewohnerin – wir sollten uns alle mehr mit dem komplexen Thema (Mikro-)Plastik auseinandersetzen und damit auch mit den Folgen unseres Handelns und Konsums. DIY-Methoden ermöglichen es uns – sie ermöglichen es Bewohner*innen, zu Umweltforscher*innen zu werden.

Organisiert wurde die Veranstaltung „Mikroplastik und Koexistenz“ von Joana MacLean und Kat Austen, produziert wurde sie von der Kunst- und Forschungsplattform ArtLaborartoryBerlin, einer Galerie in der Prinzenallee 34 - in Kooperation mit DIY Hack the Panke. Letztere sind ein interdisziplinäres Kollektiv, welches das historische und ökologische Erbe der Panke in Mitte, Wedding und Pankow mittels Citizen Science-Projekten erforscht. DIY Hack the Panke ist ein gemeinsames Projekt von Art Laboratory Berlin, das Mitgründer ist. Schwerpunktmäßig beschäftigt sich das Kollektiv mit der Panke in Wedding und im südlichen Pankow. Vor einem Jahrhundert trug dieser Teil des Flusses noch – aufgrund seiner starken Verschmutzung durch angrenzende Fabriken und Gerbereien – den Namen „Stinkepanke“. Heute ist er eine beliebte städtische Grünfläche, die von Bewohner*innen genutzt wird.

Mikroplastik – was ist das überhaupt? Die Website des BUND verrät: Als Mikroplastik werden Plastikstücke bezeichnet, die kleiner als 5 mm sind. Sie sind also teilweise mikroskopisch klein. Dazu gehören beispielsweise Partikel, die in der Kosmetik- und Körperpflegeindustrie eingesetzt werden. Auch durch den Abrieb von Autoreifen oder das Waschen von synthetischen Textilien entsteht Mikroplastik. Es zieht Umweltgifte an, wird von Meeresorganismen gefressen und ist nicht wieder aus der Umwelt zu entfernen.

„Die ubiquitäre Verschmutzung durch Mikroplastik ist sehr bedenklich. Es ist überall – im Boden, im Wasser, in den Wolken – in uns selbst. Und wir wissen noch nicht, wo es noch überall landet“, sagt Kat Austen. „Wir leben und atmen es“, betont Sarah, eine Sozialwissenschaftlerin und Post-Doktorandin der TU München. Und es sind wir Menschen selbst, die es wie „eine Spur in der Umwelt hinterlassen“, fügt Joana MacLean hinzu.

In den Workshops (Un)Real Ecologies von Joana MacLean und Kat Austen im Kontext der interdisziplinären Gruppe DIY Hack the Panke erforschen Teilnehmer*innen die Koexistenz von Mikroplastik mit dem Fluss-Ökosystem der Panke. Sie experimentierten mit Wasserproben und fluoreszierenden Partikeln, die das Mikroplastik im Flusswasser färben, welches mit dem bloßen Auge nicht identifizierbar wäre. Kat Austen betont, dass es wichtig sei, die Thematik im öffentlichen Raum sichtbar zu machen: „Der Dialog über Mikroplastik ist größer geworden, dieses Thema aber selbst zu erfahren und zu elaborieren hat eine einzigartige Kraft.“

Die Künstlerin und Chemikerin Kat Austen beschäftigt sich hauptsächlich mit der Frage, mithilfe welcher Kunstprojekte sie die Aufmerksamkeit auf die Klimafrage lenken kann. Seit 2015 außerdem damit, wie wir Mikroplastik verstehen lernen können und ob die Koexistenz mit Mikroplastik möglich ist. Wie genau tut sie das? Sie schaut sich das Problem aus einem transdisziplinären Blickwinkel an und forscht partizipatorisch mithilfe verschiedener Bürgerbeteiligungsformate, die sie selbst durchführt. Was heißt das konkret? Sie lädt Bewohner*innen dazu ein, mithilfe von DIY-Chemie-Methoden Umweltforschung zu betreiben. Hierfür werden DIY-Chemikalien eingesetzt, die man in Läden kaufen und zu Hause verwenden kann. In der Workshop-Reihe Sushi-Roulette beispielsweise analysierten die Teilnehmer*innen und Bewohner*innen die Vorkommnisse von Mikroplastik in Fischdärmen. Aus dem Mikroplastik-Fund wurde 3D-Sushi gedruckt und in einer Pop-Up-Exhibition präsentiert.

Die Künstlerin und (Mikro-)Biologin Nana MacLean interessiert sich für spekulative Biologie und Storytelling: Dafür, verschiedene Sprachen und Stimmen für Umweltphänomene zu finden und Menschen einen Zugang zu dieser Thematik zu ermöglichen. Sie beschäftigt sich seit 2017 mit der Existenz von Plastik in der Umwelt und untersucht das Leben in der Plastisphäre – die Mikrobiologie der irdischen Plastisphäre sozusagen. Das sind beispielsweise Bakterien, die auf Plastik leben. Sie betreibt Forschung an Orten, an denen es schon lange Koexistenzen mit Plastik gibt – auf Mülldeponien und in Recycling-Fabriken. Dort untersucht sie, wie die Böden mit dem Plastik interagieren. Sie versucht, Plastik aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten – indem sie eine neue Auffassung von Landschaft/ Umwelt verfolgt, in der Plastik eine Art neue Geologie/ Ökologie darstellt. Ziel dabei ist es, eine andere/ neue Auffassung von Plastik zu bekommen. Hierzu wendet sie Werkzeuge an und sucht nach neuen Narrativen, die der bereits existierenden Koexistenz mit Mikroplastik einen konstruktiven Sinn geben.

Finanziert wurde der Workshop über die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

Links

Mitschnitt des Livestreams zum Workshop Microplastic and Coexistence auf YouTube.

Webseite der Künstlerin Kat Austen

Webseite des Projektraums Art Laboratory Berlin

4. Juni 2020